Die Stunde der Patrioten

Eine grundlegende Neuordnung des deutschen Kreditgewerbes ist überfällig. Doch obwohl die Zeit drängt, kommt das Projekt nicht voran. Ausländische Konkurrenten erkunden bereits den Markt - allen voran die amerikanische Citigroup. Sie könnte sogar die Deutsche Bank schlucken.


Eigentlich hatte Bernd Fahrholz am vorvergangenen Freitag einen lange geplanten Termin. Zusammen mit anderen wichtigen Menschen wie Bundesfinanzminister Hans Eichel wollte der ehemalige Chef der Dresdner Bank vor die Frankfurter Wirtschaftspresse treten. Es sollte um die Ausbildung von Nachwuchsbankern und damit, wieder einmal, um die Zukunft des Finanzplatzes gehen.

Doch wenige Tage vor der Pressekonferenz sagte Fahrholz ab. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte Fahrholz kurzfristig gebeten, mit ihm nach New York zu fliegen. Und dieser Termin war für die Zukunft des Finanzplatzes Deutschland wahrscheinlich sehr viel wichtiger.

In der Regierungsmaschine wunderte sich die Entourage des Kanzlers über den Gast: Der arbeitslose Bankchef, der 23 Monate nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz gehen mußte, war der einzige Wirtschaftsvertreters den Schröder diesmal mitgenommen hatte.

Offenbar brauchte der Kanzler fachkundigen Rat. In der US-Metropole traf Schröder mit Sanford Weill zusammen - dem Aufsichtsratschef der Citigroup. Der mächtige Finanzmanager hatte neben einem offiziellen Termin auch noch ein privates Abendessen mit dem deutschen Kanzler reserviert.

Weill hat die Citigroup zur größten Bank der Welt gemacht. Sein Ehrgeiz ist aber keineswegs gestillt. Seit Monaten halten sich deshalb Gerüchte, Weill sei auch an der Übernahme einer deutschen Bank - vielleicht sogar der Deutschen Bank - interessiert.

Hinter den Glitzerfassaden der Frankfurter Banktürme geht schon seit Monaten die Angst um. Dem internationalen Geldgewerbe steht eine Konsolidierung bevor; und für die nach dreijähriger Dauerkrise angeschlagenen deutschen Institute ist in diesem Spiel nur eine Rolle vorgesehen - die des Opfers. Die potentiellen Eroberer stünden vor der Tür, warnte Bankenpräsident Rolf Breuer, im Hauptberuf Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, vergangene Woche.

In der Stunde der Not entdecken die Banker ihren Patriotismus. Keine Rede ist mehr von den Plänen, die Zentrale der Deutschen Bank nach London zu verlegen. Inzwischen betont der Chef des Geldkonzerns, Josef ,Joe" Ackermann, immer wieder, wie wichtig eine starke - und selbständige - Deutsche Bank für den Standort Deutschland sei.

Und sein Chefkontrolleur Breuer fragt: "Kann es uns bei allein Liberalismus wirklich egal sein, ob die heimische Industrie auf deutsche Banken zurückgreifen kann oder ob die Unternehmen im eigenen Land auf ausländische Institute angewiesen sind?" Ein offenkundiger Hilfeschrei - aber an wessen Adresse? Soll etwa die Politik eingreifen? Und wenn ja: wie?

Aus eigener Kraft jedenfalls ist den Banken die überfällige Neuordnung ihrer Branche bisher nicht gelungen. Der im Jahr 2ooo von den damaligen Chefs Breuer; Deutsche Bank, und Bernhard Walter, Dresdner Bank, geplante Zusammenschluss scheiterte ebenso wie eine Fusion von Dresdner und Commerzbank. HypoVereinsbank und Commerzbank überlegten schon mehrfach, ob sie zusammengehen sollen, aber sie trauten sich dann doch nie.

Immer standen der Bereinigung der Bankenszene wichtige Hürden im Weg: die Eitelkeiten der betroffenen Vorstände etwa, aber auch die gewaltigen Risiken, die trotz aller Sanierungsarbeiten bislang in den Bankbilanzen schlummerten.

Seit Jahren geht das nun schon so - und langsam wird Finanzminister Eichel ungeduldig. Er macht sich um den deutschen Mittelstand Sorgen, der auf stabile Kreditinstitute angewiesen ist. Ganz unverhohlen drängt die Regierung inzwischen die Banken, ihre Probleme zu lösen.

Nie wieder will der Finanzminister eine Situation wie Ende vergangenen Jahres erleben. Damals gab es geheime Gespräche zwischen den Chefs der Commerzbank und der HypoVereinsbank, an denen auch der Bund, die KfW und die Bundesbank teilnahmen. Einziges Ziel der Runde: die Rettung der beiden Institute.

Zwar hat sich die Lage ein wenig entspannt, seit sich auch die Börse wieder beruhigt hat. Zudem greifen Programme zur Kostensenkung. Aber jetzt könnten die Geldhäuser für ausländische Investoren interessant werden: Die größten Risiken sind bereinigt - doch in den Aktienkursen hat sich das bislang kaum niedergeschlagen.

Die Deutsche Bank etwa, klagt Ackermann, sei nach Erträgen die siebtgrößte Bank der Welt, und gemessen am Kapital immerhin die zwölftgrößte. Aber nach dem Börsenwert rangiere sie auf Platz 24.

Rund 34 Milliarden Euro ist die Deutsche Bank demnach wert. Für die Citigroup wäre die Finanzierung kein Problem, ihr Gewinn beträgt über eine Milliarde Dollar - pro Monat.

Und managen könnte das US-Haus eine derartige Übernahme wohl auch. Schließlich ist die Citibank in Deutschland seit über 7o Jahren tätig. Mit rund drei Millionen Kunden liegt sie inzwischen nur knapp hinter der Commerzbank. Doch gemessen an anderen Kennzahlen sind Weill und seine deutsche Statthalterin Christine Licci den hiesigen Häusern weit überlegen: Im Gegensatz zu den kränkelnden Riesen verdient er richtig Geld. Im letzten Jahr - Commerzbank, Dresdner Bank und HypoVereinsbank wiesen Verluste aus - überwies Licci 343 Millionen Euro Gewinn an ihre Zentrale.

Kein Wunder: Von jedem verdienten Euro fressen die Kosten bei der Citibank nur 41 Cent, bei der Deutschen Bank dagegen sind es über 7o. Aber mehr als in jeder anderen Branche gilt im Bankgeschäft: Je größer der Marktanteil, desto höher die Marge, also der Teil des Geschäftes, der bei der Bank hängen bleibt.

Das weiß auch Weill. Aber braucht die Citigroup dafür die Deutsche Bank? Im internationalen Vergleich sind deren Kosten noch immer zu hoch, ihre Renditen viel zu niedrig und ihre Risiken weiter schwer kalkulierbar.

Immerhin bietet die Deutsche Bank nicht nur den Zugang zu weltweit über zwölf Millionen Privatkunden, sondern auch zu wichtigen Firmen im Kernmarkt Europas. Das Investmentbanking des Institutes würde die Citigroup zusammen mit den eigenen Aktivitäten auch in Europa zu einem dominanten Spieler machen - oder es könnte separat verkauft werden.

Vorsichtig sondiert Weill das Terrain. Bei Schröder hatte er bereits vor Monaten eine Privataudienz. Die beiden, Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen, verstehen sich gut. Vor kurzem lud der US-Banker auch den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch ein, um mit ihm zu besprechen; wie die deutsche Politik auf die Übernahme eines hiesigen Institutes reagieren würde.

Verhindern könnte die Regierung einen solchen Plan zwar nicht. Aber ein feindliches Umfeld würde dessen Realisierung sehr erschweren - zumal jeder neue Eigentümer die Kosten noch einmal drastisch senken würde. Und das bedeutet: Filialen schließen, Mitarbeiter entlassen.

Weill weiß, wie er den Deutschen eine Übernahme schmackhaft machen kann: Er muss ihnen eine Perspektive bieten. Von hier aus will er die alte Welt erobern, mit 379 Millionen Menschen immerhin ein größerer Wirtschaftsraum als die USA. Offenbar erwägt Weill sogar, nach dem Kauf eines deutschen Instituts seine Europa-Zentrale von London nach Frankfurt zu verlegen. Ein Schachzug, der den Kanzler dazu bringen könnte, das Vorhaben zumindest nicht offen zu hintertreiben.

Nach so einer Mega-Fusion bliebe den anderen Banken gar nichts anderes übrig: Sie müssten weitere Ehen schließen, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Derzeit werden wieder alle möglichen Varianten durchgespielt: In der Deutschen Bank, versichern Insider, rechnen zwei Teams erneut die Vor- und Nachteile einer Übernahme der Commerzbank und der HypoVereinsbank durch.

Doch auch die Allianz könnte sich vorstellen, ihre ungeliebte Tochter Dresdner Bank mit diesen beiden Instituten zusammenzubringen. Schließlich hätte sie dadurch die Möglichkeit, ihre Versicherungen an dreimal so viele Kunden zu verkaufen.

Selbst die bereits vor Monaten einmal erwogene ,Vierer-Lösung" wird wieder diskutiert - ein Zusammenschluss des Filialgeschäftes von Deutscher Bank, Dresdner Bank, HypoVereinsbank und Commerzbank. Kartellrechtlich gäbe es wohl keine Probleme: Der Riese brächte es gerade mal auf 15 Prozent Marktanteil.

"Alles ist im Fluss", sagt ein hoher Regierungsbeamter, der fest mit einer Übernahmewelle rechnet - allerdings erst Anfang bis Mitte nächsten Jahres. Dann nämlich liegen die Jahresabschlüsse der Häuser vor - und jeder potentielle Käufer kann sich ein besseres Bild über deren tatsächliche Lage machen. Doch zurzeit sei vor allem die HypoVereinsbank (HVB) wegen der schieren Größe ihres Kreditbuches "noch gar nicht fusionsfähig".

Mit dem Münchner Institut hat die Politik ohnehin andere Pläne. Allerdings nicht das Kanzleramt in Berlin, sondern die Staatskanzlei in München. Sie will die HypoVereinsbank mit der Landesbank zusammenbringen, um den Banken-Standort Bayern zu sichern. Auf Druck der Staatskanzlei loteten BayernLB-Chef Werner Schmidt und HVB-Chef Dieter Rampl in verschiedenen Gesprächen bereits die Varianten eines möglichen Zusammenschlusses aus.

Bereits vor einigen Wochen gab die HVB eine weitgehende Kooperation mit der Landesbank und den Sparkassen im Zahlungsverkehr bekannt. Interner Projektname: Enzian. Zuvor waren Pläne über ein ähnliches Projekt mit der Deutschen und der Dresdner Bank gescheitert. Und schon besteht die Absicht, auch die Wertpapierabteilungen zusammenzulegen.

Damit am Ende die Konzernmütter ebenfalls zusammengehen könnten, müßten allerdings noch viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden - zum Beispiel die Bedenken der betroffenen Banker. Die Ideen aus der Staatskanzlei seien illusorisch, heißt es in der Landesbank.

Während die gesetzlichen Hürden für eine Hochzeit zu überwinden wären, käme vor allem die Bereinigung beider Kreditportfolios einer Mammutaufgabe gleich. Beide Banken sind bisweilen bei denselben Kunden und in den gleichen Branchen engagiert. Allein im heiklen Flugzeugfinanzierungsgeschäft haben BayernLB und HVB Kredite im Wert von über sieben Milliarden Euro vergeben.

Die Zeit drängt. Andere Länder haben ihr Geldgewerbe längst bereinigt. Durch interne Fusionen entstanden mächtige Großbanken wie etwa BNP Paribas in Frankreich oder die Royal Bank of Scotland. Sie wollen weiter expandieren - und das geht nur jenseits der Grenzen.

Ganz vorsichtig erkunden die ausländischen Banken den deutschen Markt. Bisher übernahmen sie nur kleine Institute, an die Großbanken trauten sie sich nicht heran. Noch nicht.

Ein Frankfurter Investmentbanker: "Das deutsche Arbeitsrecht, die Großrisiken in den Kreditabteilungen und die kulturellen Unterschiede wirken noch immer sehr abschreckend."

von Beat Balzli, Christoph Pauly, Wolfgang Reuter

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Quelle: Der Spiegel, 49/2003 vom 1. Dezember 2003, S. 90-92

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