Tücken des korrekten Boykotts
von Hans Evert

Berlin - Wiesel sind schwer zu fassen. Sprichwörtlich feige, flink und mit ausgeprägtem Fluchtinstinkt. Da ist es nahe liegend, Feiglinge als Wiesel zu schmähen. Zumindest für das Boulevardblatt "New York Post", das Deutschland und Frankreich wegen ihrer Ablehnung des Waffengangs im Irak zur "Achse der Wiesel" erklärte. In den USA geht es seit geraumer Zeit darum, die Feiglinge durch Warenboykott abzustrafen. Aber wie eine aktuelle Umfrage zeigt, ist das gar nicht so einfach: Laut einer Erhebung der PR-Agentur Fleishman-Hillard will eine Mehrheit der befragten Konsumenten französische und deutsche Produkte ignorieren. 64 Prozent der Amerikaner wollen demnach französische Waren meiden, 52 Prozent deutsche Produkte. "Die Diskussion um den Warenboykott hat die amerikanischen Familientische erreicht", sagt Wolfgang Küsters, Deutschland-Chef von Fleishman-Hillard.

Aber der Entschluss, patriotisch zu shoppen, wirft neue Probleme auf. Denn, so fragen sich viele Amerikaner vor dem Supermarktregal, welche Produkte kommen eigentlich aus diesen "Wieselstaaten"? Nur 25 Prozent kennen laut der Umfrage eine französische Marke oder Firma. Immerhin ist der Hälfte der US-Bürger mindestens eine deutsche Marke geläufig.

Trotzdem ist "buy American" in einer globalisierten Warenwelt voll Tücke. Viele Marken verbergen ihre nationale Herkunft so geschickt wie Saddam Hussein seine Waffen. Das kann zu Kollateralschäden bei der Suche nach Wieselwaren führen.

So unterstellen laut Umfrage viele Amerikaner der niederländischen Biersorte Heineken eine Herkunft aus deutschen Braukesseln. Bei Evian ist es noch komplizierter. Das stille Wasser aus Frankreich wird in Amerika ausgerechnet von Coca-Cola vertrieben. Da gerät ein Boykott schnell zum Friendly Fire, genauso wie bei Wein aus Frankreich. "Wer darauf verzichtet, schadet nur den amerikanischen Händlern, die die Flaschen für den US-Markt gekauft haben", sagt Küsters. Voreilig handelt auch, wer den Hersteller Braun abstrafen will. Der Produzent von Haushaltsgeräten gehört seit 1967 zum amerikanischen Konzern Gilette.

Quelle: Die Welt, 5. April 2003, S. 1

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