Diskretes Geschäft
Finanzinvestoren kaufen zunehmend deutsche Firmen auf. Die Zahl dieser Geschäfte hat sich innerhalb eines Jahres um 25 Prozent erhöht. Die Private Equity-Gesellschaften entscheiden über Zerschlagung, Fusion, Stellenabbau - und bleiben im Hintergrund. Eine Übersicht

Denen ist nicht zu trauen. Ulrich Ruetz hat da eine klare Meinung: Für Manager von Private Equity-Gesellschaften hat er nichts übrig. Ruetz war früher Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers Beru. Früher, das war bevor der US-Finanzinvestor Carlyle 1999 bei Beru einstieg, dann einen Sitz im Aufsichtsrat bekam und starken Einfluß auf die Firmenpolitik nahm. Am Ende war Ruetz nicht mehr Chef. Wirtschaftlich war die Übernahme ein Erfolg. Carlyle verkaufte seine Beteiligung an der schwäbischen Firma für 59 Euro je Anteil an den US-Autozulieferer Borg Warner - das entspricht dem Doppelten dessen, was Carlyle seinerzeit für Beru aufbrachte. Ruetz aber kritisiert: "Carlyle hat einem Unternehmen seine Zukunftschancen geraubt, Investoren und sich tüchtig bereichert und bei Beru die Unsicherheit des Wankelmuts eines amerikanischen Konzerns etabliert."

Milliarden-Einkäufe
Die sogenannten Private-Equity-Häuser - die meisten haben ihren Stammsitz in den USA oder in Großbritannien - sind immer öfter unter den Bietern, wenn hierzulande ein großer Firmenverkauf ansteht. Die Zahl der Firmenaufkäufe durch Finanzinvestoren nimmt stetig zu: Allein im Jahr 2004 stieg die Zahl dieser Transaktionen um fast ein Viertel im Vergleich zum Vorjahr. Das Volumen verdoppelte sich sogar nahezu auf knapp 20 Mrd. Euro.

Doch deutsche Unternehmenslenker, vor allem die aus dem Mittelstand, sind mißtrauisch. Die Beteiligungsgesellschaften verfügen über viel Geld und viel Macht. Sie können Chefs ersetzen, Unternehmen zerschlagen, Stellen streichen. Ihr Einfluß auf die deutsche Wirtschaft ist groß. Doch über die einzelnen Finanzinvestoren ist nur wenig bekannt. Und über die, die sie führen, noch weniger. Das gehört zum Geschäft und ist wesentlich für den Erfolg der Private-Equity-Häuser.

Ehrgeizige Ziele
Die Finanzinvestoren sammeln Geld bei institutionellen Investoren, meist Pensionskassen, Versicherungen oder Banken aus den USA, bis ihr Fonds die gewünschte Größe hat. Bei den weltweit größten Private-Equity-Fonds sind das bis zu zehn Mrd. Euro. Dieses Geld ist für fünf bis zehn Jahre fest angelegt. Den Anlegern versprechen die Fondsverwalter jährliche Renditen von bis zu 25 Prozent.

Um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen, braucht es maximale Diskretion. Die Private-Equity-Gesellschaft muß aus all den zum Verkauf stehenden Unternehmen die mit dem größten Potential herausfiltern und die Entdeckung geheim halten, sonst treiben Nebenbuhler die Kaufpreise in die Höhe. Und auch nach dem Einstieg ist Diskretion unerläßlich. Wenn eine Private-Equity-Gesellschaft investiert, stehen fast immer Veränderungen an. Würden die Pläne vorzeitig öffentlich gemacht, brächte das zu viel Unruhe in die gerade gekaufte Firma.

Neben den Firmenkäufen gibt es auch die sogenannten "Secondary buyouts". Dabei reicht ein Finanzinvestor seine Beteiligung an einen anderen weiter. So geschehen etwa bei ATU (Doughty Hanson gab die Beteiligung an KKR ab), Grohe (BC Partners an Texas Pacific und CSFB Private Equity) oder Tank & Rast (Apax, Allianz Capital Partners und Lufthansa an Terra Firma). Diese Geschäftsform wächst stetig.

Thomas Krenz (46) ist Deutschlandchef der Beteiligungsgesellschaft Permira. Der 46jährige lümmelt sich in seinem Bürostuhl, zieht an einer dicken Zigarre zieht und erzählt begeistert von seiner Firma. Permira beschränkt sich auf sechs Branchen, darunter Konsumgüter und Chemie. "Wenn man einen Chemiedeal macht, und niemand aus dem Team etwas von Chemie versteht, dann ist das Harakiri", sagt Krenz.

Erste Liga der Firmenjäger
Permira ist auch in der Medienbranche aktiv, hat sich an Premiere beteiligt und den verlustreichen Bezahlsender in die Gewinnzone geführt. Anteile hat Permira außerdem an Cognis, ehemals die Spezialchemie-Sparte von Henkel, und an dem Mobilfunk-Provider Debitel.

Krenz Stärke ist, daß er die Bankenbranche von innen kennt und weiß, wie und wo Kapital zur Finanzierung eines Geschäftes zu holen ist. Der Mann aus Braunschweig arbeitete nach dem BWL-Studium für die US-Investmentbank Bankers Trust. Dort war er für das sogenannte "Leverage lending" zuständig, für die Finanzierung von Private-Equity-Geschäften. 1988 ging Krenz zu Permira. Heute verwaltet die Gesellschaft mit 5,1 Mrd. Euro den zur Zeit größten Fonds in ganz Europa.

In der gleichen Liga wie Permira spielen in Deutschland Apax Partners, Bain Capital, BC Partners, Blackstone, CVC, Cinven, Candover und die schwedische EQT. Sie alle haben Fonds, die in Europa investiert werden sollen und mindestens fünf Mrd. Euro groß sind. Mit Allianz Capital Partners gibt es auch eine deutsche Gesellschaft in der Gewichtsklasse der internationalen Branchengrößen.

Marktführer in der Nische
Coller Capital ist Marktführer in einer Nische des Private-Equity-Geschäftes: dem Sekundärmarkt. Dort werden Beteiligungen gehandelt, aus denen die bisherigen Investoren früher als geplant aussteigen wollen. Dies kommt immer häufiger vor, obwohl Private-Equity-Anlagen langfristige Investments sind, in der Regel mit einem Investmenthorizont von fünf bis zehn Jahren. "Wir sorgen für Liquidität im Markt", sagt Axel Hansing (63), der von London das Deutschlandgeschäft leitet. Wesentlicher Unterschied zu Buyout-Fonds: Die Verwalter der Secondary-Fonds mischen sich nicht in die Geschäftspolitik ihrer Beteiligungen ein. Der Sekundärmarkt ist im Vergleich zum gesamten Private-Equity-Geschäft noch klein: Während auf dem Primärmarkt seit 1990 Abschlüsse im Wert von rund 1,2 Billionen Dollar gemacht worden, waren es im Sekundärmarkt rund 20 Mrd. Dollar, schätzt Hansing.

"Coller Capital ist fast schon ein Synonym für den Secondary-Markt", sagt der gebürtige Hannoveraner. Zwar sind in diesem Segment noch andere tätig, etwa Lexington Partners, Harbourvest, Axa Private Equity Partners, Cipio oder die Schweizer Partners Group. Doch Coller ist in Europa am stärksten aktiv und hat das Geschäftsmodell entwickelt. Die Briten kauften zuletzt ein Deutsche Bank-Beteiligungsportfolio im Wert von 1,5 Mrd. Euro und ein 90 Mio. Dollar schweres Portfolio von der Dresdner Bank.

Mittelstand im Visier
An den ganz großen Abschlüssen sind manche Private-Equity-Häuser allerdings gar nicht interessiert. Viel lukrativer kann es sein, sich kleinere Unternehmen anzuschauen, sagt Heiner Rutt, der in Deutschland das Buyout-Geschäft von Carlyle leitet. Carlyle investiert in Firmen, die 500 Mio. Euro bis eine Mrd. Euro wert sind. Wobei nicht allein die Größe zählt. Ob Rutt und seine neunköpfige Truppe in München sich ein Unternehmen für ein Investment aussuchen, hängt auch von der Branche ab. "Die Unternehmen sollten Dinge herstellen, die man anfassen kann" - das verarbeitende Gewerbe hat es Rutt besonders angetan. Deshalb hat Carlyle viel in Automobilzulieferer wie etwa Beru investiert. Auch Chemie oder Medienbeteiligungen kommen in Frage.

Konkurrenz macht Carlyle in Deutschland die US-Gesellschaft Advent International. Die deutschen Investments von Advent verantworten Ralf Huep, Georg Stratenwerth und Thomas L. Spinner. Das Trio hat seine Büros in Frankfurt, direkt am Mainufer. Wie Carlyle hat auch Advent schon einige Geschäfte im Chemiesektor gemacht. In diesem Jahr will sich das Management und ihr Team in Deutschland vor allem in der Medienbranche beweisen: "Da ist viel Musik drin", sagt Huep.

Startkapital für Gründer
Doch Firmen wie Carlyle und Advent beschränken sich nicht nur auf das Geschäft mit den Firmenkäufen. Die US-Gesellschaften vergeben auch Risikokapital an junge Unternehmen, Carlyle interessiert sich außerdem für die ausgegliederten Immobiliensparten von Konzernen wie Thyssen-Krupp und Eon. Auch andere Schwergewichte unter den Private-Equity-Häusern sind Gemischtwarenläden. Die britische Terra Firma, die zuletzt Tank und Rast kaufte, macht ihr Geld sowohl mit Immobiliengeschäften als auch mit Privatisierungen. Fortress und Cerberus sind stark im Immobiliengeschäft vertreten, interessieren sich aber auch für das Geschäft mit den sogenannten "non performing loans". Die Private-Equity-Gesellschaften kaufen solche notleidende Kredite, die von den Schuldnern nicht mehr bedient werden, von deutschen Banken zu einem Bruchteil des Nominalwertes. Anschließend wird entweder ein - für die Finanzinvestoren profitabler - Vergleich mit dem Schuldner geschlossen, oder die hinterlegten Sicherheiten werden vermarktet.

Schlechter Ruf
Das schwierige Geschäft mit den Problem-Krediten hat bisher in Deutschland allerdings die US-Gesellschaft Lone Star fest in der Hand. Deutschland-Chef ist Karsten von Köller, früher Vorstandsvorsitzender der Euro Hypo. Er war schon drei Monate im Ruhestand, als ihn der Ruf aus den USA erreichte. "Was mich am Private-Equity-Geschäft so fasziniert hat, daß ich unbedingt zusagen mußte", sagt von Köller, "ist die Unternehmerkultur: Die üblichen Bedenken, etwas Neues zu probieren, gibt es dort nicht."

Die größte Private-Equity-Gesellschaft der Welt und zugleich auch Prototyp für diese Unternehmensform jedoch ist Kohlberg, Kravis Roberts (KKR). Auch hat KKR maßgeblich zum schlechten Ruf der Finanzinvestoren beigetragen. Ende der 80er Jahre kaufte ein von KKR verwalteter Fonds den US-Nahrungsmittelriesen Nabisco, zerschlug das Unternehmen und setzte Tausende Mitarbeiter auf die Straße. Auch für die Außenwirkung der Branche ein Desaster.

Als erste Gesellschaft überhaupt machte KKR Geschäfte in Form sogenannter Leveraged Buyouts. Heute ist das Standard: Die Unternehmensbeteiligungen werden nur zu einem Drittel oder einem Viertel vom Fonds selbst bezahlt, den Rest leiht man sich von einer Bank.

Standards gesetzt
Johannes Huth (44) leitet das Europageschäft von KKR von seinem Londoner Büro aus. Huth hat an der Pariser Sorbonne, an der London School of Economics und an der Universität von Chicago studiert, seit 1999 ist er Europachef von KKR. Den Ruf der Firma hat er poliert: KKR gilt heute, anders als vor 20 Jahren, als respektabler und seriöser Investor. Der inzwischen börsennotierte Bankautomaten-Hersteller Wincor Nixdorf ist eine der größten Erfolgsgeschichten von KKR - und von Private-Equity-Beteiligungen in Deutschland. Zur Zeit krempelt KKR das Duale System Deutschland um.

Huth hat fünf Kinder und spricht fünf Sprachen, gerade lernt er die sechste. Welche das ist, sagt er nicht. Daraus könnten Konkurrenten womöglich schließen, in welchem Land er sich demnächst nach neuen Investments umsehen wird, sagt Huth.

Anette Sydow

Quelle: Die Welt, 19. April 2005

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