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Einleitung zur Druckausgabe des Handbuchs Deutsche Wirtschaft 2005/2006
(aktualisiert)
Das Handbuch Deutsche Wirtschaft 2005/2006 ist noch lieferbar. Es kostet 29,80 Euro. Die aktualisierte und erweiterte Ausgabe 2007 auf CD-ROM liegt kostenlos bei.
Der Ausverkauf der deutschen Wirtschaft nimmt dramatische Formen an
Fast täglich kaufen ausländische Konzerne und Finanzgruppen deutsche Unternehmen auf. Das ist keine neue Entwicklung, aber sie hat sich in den letzten Jahren dramatisch beschleunigt. Der Leser dieses Handbuchs wird Konzerne, große und kleine Unternehmen finden, über deren Schicksal nicht mehr in dem Land entschieden wird, in dem sie ihre Wurzeln haben und ihre Mitarbeiter leben, sondern in fernen Hauptquartieren.
Dieser Besitzerwechsel vollzieht sich zumeist ohne öffentliches Aufsehen, weil sich die neuen Herren hinter den Traditionsnamen und vertrauten Marken verstecken. So gibt es heute beispielsweise mehr Aral-Tankstellen als vor zwei Jahren, aber sie gehören dem britisch-amerikanischen Ölmulti BP, der sogar die eigenen Stationen auf diese aufgekaufte Marke, einem Symbol deutscher Industriegeschichte, umgeflaggt hat. Weil gleichzeitig Dea von Shell übernommen wurde, gibt es keine große deutsche Benzinmarke mehr. Dies ist insofern konsequent, als Deutschland bei der Exploration, Förderung und Verarbeitung von Erdöl ebenfalls längst zum Zwerg geworden ist. Angesichts des bevorstehenden Energiemangels und des geplanten Ausstiegs aus der Nuklearenergie ist dies eine schwere Hypothek für die Zukunft der größten Warenexportnation der Welt.
Es mag ja zu verkraften sein, wenn der Braukonzern Interbrew aus Belgien und Carlsberg aus Dänemark bekannte Biermarken wie Beck's, Hasseröder, Spaten oder Löwenbräu bzw. Licher, Holsten oder König Pilsener aufkaufen. Auch der Verlust der Zigarettenindustrie ist noch keine Katastrophe. Aber es stellt sich schon die Frage, weshalb sich das Duale System mit dem Gelben Sack in amerikanischer Hand befinden muß? Weshalb dürfen sich französische Konzerne in immer mehr deutschen Stadtwerken einkaufen?
Gravierend ist der Niedergang der pharmazeutischen Industrie. Deutschland war einmal die "Apotheke der Welt". Das ist längst Geschichte; denn Hoechst gibt es nicht mehr. Zwei Fusionen mit französischen Unternehmen haben diese Ikone der deutschen Industrie pulverisiert. Die BASF hat ihr Pharmageschäft abgestoßen, - und jedesmal fallen für die ausländische Konkurrenz wertvolle Teile ab. Zwar hat Bayer mit der Übernahme von Schering seine Position gestärkt, aber gleichzeitig ist mit Altana Pharma ein weiterer Teil ins Ausland abgewandert.
Größeres Aufsehen hat der Aufkauf von Mannesmann durch die britische Vodafone wegen der skan-dalösen Begleitumstände hervorgerufen. Heute dominieren auf dem deutschen Mobilfunkmarkt ausländische Anbieter mit über 60 Prozent und bedrängen die Telekom. Mit der Übernahme von Mannesmann wurde gleichzeitig ein führender Technologie-Konzern in bis zu 30 Teile zerschlagen, von denen sich ausländische Konkurrenten die besten Stücke einverleibten. Vollständig zerschlagen ist auch der Varta-Konzern, dessen ausländischen Besitzer nun mit der weltbekannten Marke gutes Geld verdienen.
Eine neue Qualität wurde 2005 erreicht, als sich der Finanzkonzern Unicredito Italiano die zweitgrößte deutsche Geschäftsbank Hypo-Vereinsbank einverleibte. Diese hatte zuvor mit dem Kauf der Bank Austria, der größten Bank Österreichs, in Mittelosteuropa eine starke Position aufgebaut. 1997 wollte eigentlich die Deutsche Bank die Bayerische Vereinsbank übernehmen. Weil dann München als Bankenzentrum bedeutungslos geworden wäre, hat dies die Bayerische Staatsregierung mit Unterstützung der Münchner Versicherungskonzerne verhindert. Jetzt wird weder in München noch in Frankfurt/Main, sondern in Rom über die Geschäfte des größten privaten Kreditinstituts bestimmt.
Lange Zeit war das Privatfernsehen für ausländische Investoren tabu. Doch auch dieser Damm ist gebrochen, seit der amerikanisch-israelische Medienmogul Haim Saban einen Großteil des insolventen Kirch-Konzerns übernehmen konnte. Kurz später wurde der deutsche Musiksender Viva 2004 vom US-Medienkonzern Viacom geschluckt, womit auch die wichtige Kölner TV-Produktionsfirma Brainpool in amerikanische Hand fiel. Und das Monopol der Post bei der Kabelversorgung wurde mit der Privatisierung durch ein Beinahe-Monopol von US-Investoren abgelöst.
Akquisitionen zielen in jüngster Zeit immer stärker auf mittelständische Unternehmen, die technologische Marktführer sind oder militärisch relevante Produkte herstellen. Wichtige Investoren suchen nicht nur den Profit, sondern verfolgen politisch-strategische Ziele, was nicht verwundert, wenn man nachliest, wer beispielsweise in der Carlyle-Group, Washington, tätig ist.
Deutschland ist ein Paradies nicht nur für US-Investoren. Kapital aus allen Ländern Europas und neuerdings auch aus China sucht nach lohnendem Einstieg, und sei es nur, um Firmen auszuschlachten und Vertriebswege für ihre Produkte zu erschließen. Chinesische Firmen haben als Billigzulieferer viel Geld verdient. Mit dem jahrzehntelangen Exportüberschuß haben sich über 500 Mrd $ an Währungsreserven angesammelt. Jetzt drängt die chinesische Wachstumsdynamik nach außen. Nicht bloß zuliefern, sondern selbst verkaufen, ist die Parole. Da werden weltweite Übernahmen zur patriotischen Tat und Deutschland, auch als Basis für den wachsenden osteuropäischen Markt zum lohnenden Terrain.
Die Folgen des Ausverkaufs
Nun könnte man in der Aktivität ausländischer Investoren einen Beleg für die Attraktivität des Standortes Deutschland sehen. Aber diese halten sich mit Investitionen etwa bei ihren eigenen Tochterunternehmen auffallend zurück. Sie übernehmen lieber die Konkurrenz, nutzen deren Technologie und stärken die Position auf dem deutschen Markt, nicht selten auch als Sprungbrett für Osteuropa. So wurde das Hamburger Aluminium-Werk (HAW) eine der profitabelsten und modernsten Alu-Hütten Europas, aus unstillbarem Renditehunger vom norwegischen Konzern Norsk Hydro 2005 geschlossen. Zahlreiche Studien belegen, daß internationale Konzerne ihr Heimatland tendenziell von Stellenabbau und Standortschließungen verschonen bzw. bei Investitionen begünstigen.
Grundsätzlich ist eine ausländische Übernahme gegen die Interessen des Standorts gerichtet, auch wenn anfangs alle Beteiligten profitieren. Es ist kein Zufall, wenn sich bei Rettungsversuchen für angeschlagene Firmen, wie zuletzt bei der Walter Bau, ausländische Banken weniger kulant verhalten als einheimische. Im Zusammenhang mit dem drastischen Abbau von Arbeitsplätzen bei der General-Motors-Tochter Opel hat die Öffentlichkeit einen Eindruck davon bekommen, was es heißt, wenn im fernen De-troit über hiesige Fabriken entschieden wird, zumal der Mutterkonzern der deutschen Tochter jahrelang Gewinne abgepreßt hat, die aus der Substanz finanziert wurden.
Bei den Übernahmen der letzten Jahre spielen amerikanische Investmenthäuser eine immer größere Rolle. Sie kaufen Firmen auf, nicht um sie zu betreiben, sondern oft, um sie zu zerschlagen und schnelle Gewinne zu erzielen. Diese Finanzinvestoren versprechen horrende Renditen von bis zu 30 Prozent und mehr, während solide Weltkonzerne wie die Robert Bosch GmbH und andere Familienunternehmen mit einer Verzinsung von sechs Prozent auskommen. Diese dubiosen angelsächsischen Finanzinvestoren, die in jüngster Zeit "Heuschrecken" genannt werden, schwimmen im Geld, das ihnen u. a. US-Pensionsfonds, Versicherungen und Großverdiener überlassen. Die versprochenen Renditen erzielen sie aber nur, wenn die Kosten zulasten der Arbeitnehmer rücksichtslos gedrückt werden, sowie durch Kürzungen bei Forschung und Entwicklung und durch den Verkauf von Betriebsteilen die Zukunft des Unternehmens aufs Spiel gesetzt wird. (Siehe Einzelheiten in dem Beitrag "Zur Strategie der Heuschrecken" auf der CD-ROM.
Durch den massiven Einstieg der "erfolgreichen" Finanzinvestoren in die deutsche Wirtschaft wird das unternehmerische Verhalten noch stärker als durch die Aktienmärkte ohnehin auf skrupellose Gewinnmaximierung ausgerichtet. Die forcierte Vernichtung von Arbeitsplätzen ist eine Folge dieses Wechsels vom Unternehmer- zum Finanz-Kapitalismus. Die wachsende Zahl der Firmenübernahmen vergrößert den Globalisierungsdruck.
Übermäßiger Fremdbesitz ist mehr als ein Schönheitsfehler. Er verändert das Verhältnis von Politik und Wirtschaft und schränkt den Handlungsspielraum der Regierungen noch weiter ein. Wie können Beteiligungskäufer oder ausländische Konzerne dem deutschen Gemeinwohl verpflichtet sein, wenn sie sich gegenüber den aufgekauften Unternehmen nicht verantwortungsbewußt zeigen? Aber noch gibt es Unternehmer und Manager, die sich ihrer Verantwortung für dieses Land und seine Menschen bewußt sind. Auch für sie ist in diesem Handbuch Platz.
Die Ursachen der Übernahmen
Der Ausverkauf deutscher Unternehmen wäre kein Thema, wenn die Wirtschaft gesund wäre. Es gibt schließlich keine Firmenübernahmen, wenn niemand verkauft. Die Insolvenzverwalter offerieren Konzerne zum Schnäppchenpreis. Auch gesunde Unternehmen sind wegen der nach wie vor niedrigen deutschen Börsennotierungen günstig zu haben. Andererseits sind Finanzinvestoren und internationale Konzerne in der Lage, beinahe jeden Preis zu zahlen.
Viele Unternehmen und Unternehmensteile stehen deshalb zum Verkauf, weil sie von Konzernen als "Randaktivitäten" abgestoßen werden. Die viel beschworene "Konzentration auf das Kerngeschäft", mit der solche Abspaltungen gerechtfertigt werden, ist zumeist reine Ideologie. Tatsächlich werden mit dem Verkauf von Filetstücken jene Einnahmen erzielt, die im operativen Geschäft nicht erwirtschaftet werden. Viele Konzerne sind Firmenhändler geworden.
Früher wurden Unternehmen, die Kapital benötigten, von der "Deutschland AG" aufgefangen. Doch Allianz, Münchener Rück und Deutsche Bank haben ihre Beteiligungen an DAX-Unternehmen immer weiter zurückgefahren. Dadurch haben die mächtigen Investmenthäuser in New York und London freie Hand. Der Siegeszug der Private-Equity-Gesellschaften ist auch eine Folge der Strukturkrise der deutschen Banken.
Zwischen Volkswirtschaft und Globalisierung
Die grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen sind Teil eines globalen Konzentrationsprozesses. Fusionen scheitern oft, aber kein Großkonzern ist ohne Übernahmen, die oft als "Fusion unter Gleichen" getarnt werden, gewachsen. Größe allein macht nicht erfolgreicher. Aber ein Konzern wie Procter & Gamble kann die Wella AG übernehmen und nicht umgekehrt. Die relativ zahlreichen gescheiterten Fusionen sind darauf zurückzuführen, daß Firmen mit Problemen, wie Pharmaunternehmen mit wenigen Produkten in der Pipeline, eher fusionieren als wachstumsstarke Konzerne, die erfolgreich zukaufen, wenn sie die Akquisitionen in ihre Strukturen rücksichtslos integrieren. Deutschlands Konzerne sind in diesem Haifischbecken zu klein und die anderen wachsen.
Der Ausverkauf der nationalen Wirtschaft trifft grundsätzlich alle Länder. In England ist kaum noch ein Pub im heimischen Besitz. Großbritannien ist zwar einer der größten Autoproduzenten der Welt, aber nur mit Produktionsstätten ausländischer Hersteller (Nissan, Honda, Toyota, Peugeot) oder von englischen Marken, die von ausländischen Konzernen aufgekauft wurden (Rolls-Royce, Jaguar, Vauxhall, Mini, Aston Martin, MG Rover). Aber dem stehen Vodafone, BP, Shell oder HSBC-Bank gegenüber, Weltkonzerne in einer Größenordnung, wie sie kein deutscher Konzern aufweisen kann.
Mit ihrem Auslandsengagement hatten deutsche Unternehmen nur mäßigen Erfolg. Viele ziehen sich zurück und verkaufen Beteiligungen wie die Ruhrkohle/RAG am Bergbau in Übersee oder RWE mit dem Wassergeschäft. Auch Otto ist in den USA mit der größten Versandhandelskette Spiegel gescheitert. BMW hat auf der britischen Insel Milliarden vergraben ("Rover-Syndrom"). Der Einsteig bei Chrysler und Mitsubishi wurde für Daimler zum Desaster, während Renault mit Nissan viel Geld verdient. Seit 2006 stellen Beobachter einen Mentalitätswechsel bei den Vorständen deutscher Konzerne fest. Beispiele für eine neue Aggressivität sind Linde (britischer Gasehersteller BOC), BASF (amerikanische Engelhard), MAN (schwedische Scania) oder Eon, das den spanischen Stromriesen Endesa übernommen hat. Das ändert nichts an dem Trend des Ausverkaufs der deutschen Wirtschaft, wie das Engagement ausländischer Konzerne wie des französischen Versicherungsriesen Axa zeigt, der sich in jüngster Zeit verstärkt in deutsche Unternehmen eingekauft hat, so bei Heidelberger Zement, beim Reifenhersteller Continental (gut 10 %), bei MAN (10 %), Lufthansa (5,9 %) und TUI (ca. 5 %). Von dem Vordringen der internationalen Heuschrecken ganz zu schweigen.
Der Abstieg der Wirtschaftsmacht Deutschland und die Zunahme der Firmenaufkäufe durch fremdes Kapital hat eine oft verdrängte Ursache, nämlich den historischen Kompromiß zwischen Deutschland und den westlichen Siegermächten. Diese stimmten der Wiedervereinigung 1990 nur unter der Bedin-gung zu, daß die Bundesrepublik auf die Attribute eines souveränen Staates verzichtet. Deutschland hat seitdem seine nationale Währung und damit auch einen Schlüssel zu einer eigenen Wirtschaftspolitik verloren, an militärischer Eigenständigkeit noch mehr eingebüßt und wurde zum Vorreiter einer EU-Politik der Entnationalisierung, der Frankreich oder Großbritannien nur sehr zögerlich folgten.
Deutsche Unternehmen hatten sich jedoch auf dem Weltmarkt gut behauptet und sind technologisch in vielen Sektoren führend geblieben. Doch auch der wirtschaftliche und technologische Machtsektor ist Teil des historischen Kompromisses mit den Siegerstaaten, wie erst heute deutlich wird. So ist es kein Zufall, daß Deutschland, wie in diesem Handbuch zu lesen, seine Kapazitäten zum Bau von Atomkraftwerken faktisch unter die Kontrolle von Framatome, eine Tochter des staatlichen französischen Nuklearkonzerns Areva, gestellt hat, daß alle anspruchsvollen Technologien in europäische Gemeinschaftsprojekte eingebunden sind wie EADS (mit Airbus und Luftrüstung) und der Weltraumagentur ESA. Und auch die technologisch überlegene Werftindustrie soll von französischen Konzernen eingebunden werden. Bundeskanzler Kohl hat für den Umgang mit strategischer Spitzentechnologie Zusagen gemacht, an die sich die heutige Regierung gebunden fühlt, auch wenn es keine förmlichen Abkommen, sondern nur briefliche Zusagen gibt.
Die Entnationalisierung Deutschlands ist keineswegs allein außengesteuert. Sie wird von einem Teil der Bundesregierung ohne Rücksicht auf die Folgen aktiv betrieben. Dabei sind nicht Interessen bestimmend, sondern Ideologien, die der SPIEGEL so beschreibt: "Der Traum von einer Welt ohne Grenzen gehört zu den grünen Gründungsidealen; er wurzelt im diffusen Wir-Gefühl der 68er, denen es deshalb schwer fällt, zwischen Weltoffenheit und naiver Multikulti-Folklore zu unterscheiden."
Deutschland hat einen historisch bedingten Sonderstatus, der das Land in der Mitte Europas zum bevorzugten Globalisierungsopfer macht und ihm kaum Chancen läßt, sich gegen die Gefahren des grenzen-losen Profitstrebens zu wehren, während alle anderen Staaten in Europa und der Welt zumindest versu-chen, sich an ihrem nationalen Interesse zu orientieren.
Politik und Verbraucher sind nicht machtlos!
Die Abwehr massiver Firmenübernahmen erfordert einen starken politischen Willen, den die heutige Bundesregierung offenkundig nicht aufbringen kann und will. Daß dies aber möglich ist, hat der neue Ministerpräsident in Baden-Württemberg demonstriert. Mit Hilfe der Landesbank hat er verhindert, daß sich der französische Atomstromkonzern EdF das viertgrößte deutsche Energie-Unternehmen EnBW einverleibt. Auch in Hamburg hat sich der Senat mit einer landeseigenen Gesellschaft an Beiersdorf beteiligt und so mitgeholfen, dessen Übernahme durch den US-Riesen Procter & Gamble zu verhindern. Nach anfänglichen Bedenken gegen die Übernahme von Aventis durch die kleinere französische Sanofi hat Berlin sie mit Rücksicht auf die deutsch-französischen Beziehungen dann doch tatenlos hingenommen. Bei der Übernahme großer Teile des deutschen Privatfernsehens durch Haim Saban haben Berlin, wie auch die Bayerische Staatsregierung, sogar Schützenhilfe geleistet, obwohl deutsche Medienkonzerne nicht weniger geboten hatten.
Mit Gesetzen könnte gegen den Verkauf technologisch wichtiger Unternehmen vorgegangen werden, so wie seit Sommer 2004 der Bundeswirtschaftsminister aufgrund einer Änderung des Außenwirtschaftsgesetzes den Verkauf von mehr als 25 Prozent eines in Deutschland ansässigen Waffenherstellers unter-sagen kann. Aber auch dazu bedarf es einer selbstbewußten Politik, die derzeit nicht zu erkennen ist. Die Bundesregierung hat mit der Steuerreform 2000 das Vordringen internationaler Konzerne und Finanzinvestoren beschleunigt, da sie den steuerfreien Verkauf von Unternehmensbeteiligungen ermöglichte.
Auf wen aber kann der Bürger hoffen? Selbst die Gewerkschaften versagen, wenn durch Übernahmen Arbeitsplätze vernichtet werden. Beim Mannesmann-Deal war die Gewerkschaftsspitze aktiv mitgewirkt, wie der Mannesmann-Prozeß zeigt.
Bleibt nur der Souverän, das heißt der Verbraucher, dem dieses Handbuch helfen soll, seine Macht zu entdecken. Dazu muß er jedoch aufgeklärt sein, damit er nicht Opfer der Werbung wird. Wer beispielsweise Coca-Cola aus welchen guten Gründen auch immer nicht kaufen will (Symbol der Globalisierung, Kapitalrendite in Deutschland von ca. 35 Prozent, größte Zuckerverbraucher) sollte nicht ersatzweise etwa zu Sprite, Bonaqua, Minaqua Prinzenquelle, Urbacher oder dem berühmten Schweizer Mineralwassermarke Valser oder dem rheinischen Apollinaris und das Heilwasser Heppinger greifen, denn all diese Marken gehören ebenfalls zu Coca-Cola.
Der politisch bewußte Bürger hat in seinem Einkaufskorb eine große potentielle Macht. Die Industrie weiß dies, sonst würde sie nicht mit so großem Aufwand um den Käufer werben. Wer keine Produkte haben will, die auf langen Strecken umweltbelastend angeliefert werden, kann darauf leicht verzichten. Wer verhindern möchte, daß sich feindliche Übernahmen rechnen, kann die entsprechenden Waren oder Geschäfte meiden, wie das offensichtlich viele bei Wal-Mart tun.
Es ist gar nicht erforderlich, daß sich alle Verbraucher bei ihren Einkäufen und Anschaffungen von ethi-schen, sozialen oder politischen Gründen leiten lassen. Der gewünschte Effekt ist schon bei weniger ele-mentaren Aktionen wie der Brent-Spar-Kampagne 1955 eingetreten. Auch auf diesem Feld entscheiden entschlossene Minderheiten. Bei dem harten Wettbewerb schlagen bereits kleine Veränderungen der Marktanteile zu Buche. Marktbeobachter registrieren eine Rückkehr der Kunden zu mehr Qualität. Da ist es nur ein kleiner Schritt zur politischen Qualität. Der Verbraucher kann wegen seines Einkaufsverhaltens nicht verfolgt werden und niemand kann ihm was verbieten. Um diese einzigartige Freiheit zu nutzen, braucht er Kenntnisse und ein patriotisches und humanitäres Bewußtsein.
Starnberg, Oktober 2006
Dr. Alfred Mechtersheimer
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