Das System der Heuschrecken

Selbst erfolgreiche Unternehmen können in eine bedrohliche Schieflage geraten, wenn Finanzinvestoren einsteigen, die nur ihren eigenen Vorteil im Auge haben. Hier ein fiktives Musterbeispiel, wie Heuschrecken vorgehen:

> Phase 1: Der Finanzinvestor - nennen wir ihn Locust International - will die Traditionsfirma Heilewelt AG übernehmen. Er gründet hierzu die Raffke GmbH, in der neben dem Eigenkapital von Locust auch Kredite von Großbanken gesammelt werden. Die neue Firma übernimmt die Heilewelt AG. Beide Unternehmen werden daraufhin miteinander verschmolzen. Der Effekt: der gekaufte Betrieb muss nun die Zinsen und Kredite für die eigene Übernahme tragen.

> Phase 2: Locust International will Geld sehen. Also wird die Heilewelt-Raffke AG in eine GmbH umgewandelt. Das Grundkapital kann somit vermindert werden und die frei werdenden Summen kassiert Locust als Sonderdividende. Nicht genug damit: die Heilewelt-Raffke GmbH wird gezwungen, Anleihen zu begeben - "beraten" von Experten des Finanzinvestors, der dafür entsprechendes Honorar bekommt. Ein Teil der Anleihe fließt ebenfalls direkt in die Kassen von Locust International.

> Phase 3: Die Heilewelt-Raffke GmbH muss nun, um die wachsenden Belastungen durch die aufgenötigten Kredite tragen zu können, mehrere Tochterfirmen verkaufen. Ein Teil der Erträge fließt wieder in die Kassen des Finanzinvestors. Um eine Überschuldung zu vermeiden, muss das Management der Heilewelt-Raffke GmbH die Kosten weiter drücken: Hierzu wird Personal entlassen, weitere Bereiche geschlossen und die Forschung eingestellt.

> Phase 4: Locust International hat mittlerweile genug verdient. Im Sprachgebrauch der Branche ist es Zeit für den "Exit" - den Abgang vom Geschehen also. Was von der Heilewelt-Raffke GmbH noch übrig ist, wird an die Easy Money Ltd verkauft. Dieser neue Investor bringt das Unternehmen unter dem Namen Best-World - mit viel Getöse und natürlich Beratungsgebühr - wieder an die Börse. Damit überlässt der Finanzinvestor das Unternehmen den Händen der neuen Aktionäre.

> Phase 5: Der Börsenneuling Best-World AG ist so geschwächt, dass er lange keine Dividende zahlen kann. Der Kurs geht nach dieser Schreckensmeldung in den Keller. Die Best-Aktionäre bleiben auf einem nahezu wertlosen Papier sitzen. Eine Insolvenz der einst so erfolgreichen Traditionsfirma wird nicht mehr ausgeschlossen. In dieser letzen Phase liegen schon so genannte Last-Minute-Investoren auf der Lauer, die den etablierten Insolvenzverwaltern die Beute streitig machen.


Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 4. Januar 2007, Seite 12

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