Die Politiker-Firma

Vitamin B zahlt sich aus. Das US-Unternehmen Carlyle beschäftigt Ex-Präsidenten und Minister und macht Milliarden. Jetzt hat der Konzern den deutschen Autozulieferer Edscha übernommen.

von Holger Wiedemann

Eine exklusivere Geschäftsadresse hat Washington D.C. kaum zu bieten. Das Hauptquartier der Carlyle Group liegt in der Pennsylvania Avenue 1001, genau zwischen Weißem Haus und Kapitols-Hügel. Nur einen Steinwurf weit entfernt späht das FBI, ringsherum sind weitere Regierungsbehörden angesiedelt.

Die Nähe zur Macht kommt nicht von ungefähr. Auf der Gehaltsliste der privaten Investment-Gruppe findet sich die Crème de la Crème des Washingtoner Polit-Establishments: Ex-Präsident George Bush senior fungiert als Berater, sein ehemaliger Außenminister James Baker sitzt im Beirat. Frank Carlucci, Verteidigungsminister unter Ronald Reagan, wurde als CEO angeheuert, seine rechte Hand ist Dick Darman, Finanzberater der Clinton- und Bush-Administrationen. Mit an Bord sind auch der ehemalige Chef der US-Börsenaufsicht SEC, Arthur Levitt, und der Ex-Boss der Telekommunikations-Regulierungsbehörde FCC, William Kennard.

Der Rest der Investmentbranche beneidet Carlyle um das exklusive Netzwerk der Ex-Minister und -Spitzenbeamten, und die Company nutzt es so profitabel wie diskret. Das 1987 gegründete Unternehmen (benannt nach dem New Yorker Lieblingshotel der ersten Investoren) agiert im Buy-out-Markt, dem lukrativen Geschäft mit dem Kauf und Verkauf von Unternehmen oder deren Teilen. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat Carlyle bei betuchten Privatanlegern und Institutionellen 16,6 Milliarden Dollar eingesammelt und - die besondere Polit-Connection nutzend - vorwiegend in den US-Rüstungssektor gesteckt.

Ein höchst einträgliches Geschäft, denn wer sollte in der Branche besser Bescheid wissen, als Ex-Verteidigungsminister oder gar Präsidenten? "Den Investoren blieben im Schnitt der vergangenen Jahre rund 30 Prozent Profit auf ihren Einsatz", erklärt Heiner Rutt, Sprecher der Gruppe in Deutschland. Dies wohlgemerkt nach Abzug des üblichen 20-Prozent-Anteils für die Partner und Manager des höchst exklusiven Investmentclubs.

Trotz der beinahe unglaublichen Gewinne war Carlyle bis vor kurzem in der Investmentbranche eine nahezu unbekannte Größe. In die Schlagzeilen geriet die Old-Boys-Connection erst durch Amerikas Kriegserklärung an den weltweiten Terrorismus. Nur einen Monat nach den September-Anschlägen wurde bekannt, dass die Bin-Laden-Familie mit zwei Millionen Dollar an einem der Carlyle-Buy-Out-Fonds beteiligt war. Ausgerechnet George Bush senior war ein Jahr zuvor mehrfach beim Clan-Oberhaupt im saudischen Riad gewesen und hatte für Carlyle geworben.

Trotz solcher PR-Rückschläge hat die Firma ihre lukrativen Rüstungsgeschäfte auch nach dem Beginn des Kriegs in Afghanistan fortgesetzt. Nur einen Monat, nachdem die ersten Bomben auf Kabul gefallen waren, brachte Carlyle den Waffenfabrikanten United Defense an die Börse - einer der wenigen erfolgreichen IPOs des vergangenen Jahres. Kein Wunder: Die im Golf stationierten Kriegsschiffe der Amerikaner sind mit den Raketenabwurfsystemen des Börsenneulings ausgerüstet.

Zwar verfügt Carlyle auch außerhalb der USA über beste Kontakte - Chairman der Europa-Gruppe ist Großbritanniens Ex-Premier John Major, in Deutschland sitzen der ehemalige Bundesbank-Präsident Karl-Otto Pöhl und Ex-BMW-Vorstand Eberhard von Kuenheim im Beirat. Doch in der Alten Welt meidet das Unternehmen die Grauzone zwischen Politik und Verteidigungsindustrie. Vor fünf Jahren sammelte die Gruppe mit einem Fonds rund eine Milliarde Euro ein, die in Deutschland vor allem in Autozulieferer wie Edscha, Honsel oder Beru gesteckt wurden. "Fünf bis sieben Jahre halten wir an den Unternehmen fest und bauen sie um, bevor sie weiterverkauft werden" erläutert Sprecher Rutt.

Ein zweiter Fonds soll bald geschlossen werden. Rutt hofft, dass er auf über zwei Milliarden Euro kommt. Doch ob mit den Engagements außerhalb des Rüstungssektors ähnliche Traumrenditen erzielt werden können wie in den USA, ist noch entschieden. Parallel zu dem Buy-Out-Fonds versucht sich Carlyle in Europa auch im Bereich Venture Capital. Ein Fonds über 600 Milllionen Euro wurde in Software- und Internet-Unternehmen gesteckt. Bislang gelang hier jedoch noch kein einziger Börsengang.

Quelle: Euro am Sonntag, 17.11.2002 Ausgabe 46/02

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