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Bis vor zwanzig
Jahren war Deutschland die Apotheke der Welt. Niemand tat es den Pharmaforschern
zwischen Leverkusen und Ludwigshafen gleich. Heute können nur noch
Säufer und Schnupfenkranke auf die heimische Heilkunst setzen: Aspirin
und Alka Selzer - viel mehr ist vom Ruhm der Pharmaindustrie nicht geblieben.
Aids-, Alzheimer- oder Krebs-Therapien werden woanders entwickelt. Längst
führen Amerikaner und Briten die weltweite Umsatzstatistik an. Und
wenn der Leverkusener Bayer-Konzern wie angekündigt bald einen Partner
für seine kränkelnde Arznei-Tochter vorstellt, könnte das
gut ein ausländischer Konkurrent sein. Inzwischen hat Bayer sogar
den Führungsanspruch für ein solches Gemeinschaftsunternehmen
aufgegeben.
Viele halten den Schritt für den Einstieg in den Ausstieg. Eine krasse
Fehleinschätzung: Der Untergang der deutschen Pharmaindustrie ist
seit langem besiegelt.
Den Anfang markierte die Frankfurter Hoechst AG, bis 1982 die Nummer eins
in Deutschland. Als die Hessen ihren Stern sinken sahen, suchten sie ihr
Glück in der Fusion. Das bremste den Fall. Das Unternehmen gehört
immerhin noch zu den zehn größten auf der Welt, allerdings
heißt es seit 1999 Aventis und hat seinen Sitz in Frankreich. Ähnlich
BASF: Die Ludwigshafener erkannten ihre Schwäche im Jahr 2000 und
verkauften ihre Pharmatochter an den amerikanischen Wettbewerber Abbott.
Bleibt von Deutschlands ,großen Drei", die einst in Chemie und Pharma
das Maß aller Dinge waren, allein Bayer übrig.
Keines der drei Unternehmen hat sich stärker an die eigene Tradition
geklammert, und keines symbolisiert gleichzeitig die Malaise deutscher
Arzneiforschung besser als der Aspirin-Hersteller aus Leverkusen: Über
hundert Jahre ist es her seit die Wissenschaftler die bekannteste Pille
der Welt entdeckten. Das Mittel, das nicht nur Schmerz lindert, sondern
auch Herzinfarkten vorbeugt, steuert bis heute rund 500 Millionen Euro
zur jährlichen Bayer-Bilanz bei. Immer noch generiert es mehr Umsatz
als manch modernes Medikament der Leverkusener, gleichzeitig viel zu wenig,
um die Flops der jüngeren Zeit wettzumachen. Im vergangenen Jahr
zwang der Verdacht auf tödliche Nebenwirkungen Bayer sogar dazu,
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seinen Fettblocker Lipobay vom Markt zu nehmen. Milliardeninvestitionen
in die Forschung waren verloren. Damals boten Roche aus der Schweiz und GlaxoSmithKline
aus Großbritannien dem Vernehmen nach ihre Zusammenarbeit an.
Doch aus Angst
vor einer erdrückenden Umarmung wies Bayer die Annäherungsversuche
zurück, genau wie die von Hoechst viele Jahre zuvor. Die Leverkusener
ihrerseits sollen sich eher nach Firmen umgesehen haben, die weniger Mitgift
mitbringen und dafür nicht Herr im Haus sein wollen.
Jenseits der Weltliga gibt es in Deutschland noch einige Pharmaunternehmen.
Sie überleben entweder, weil sie sich in Nischen unentbehrlich gemacht
haben, wie der Berliner Pillenhersteller Schering, oder

weil Familienaktionäre die Hand über sie halten, wie bei Merck
in Darmstadt. Manchmal trifft auch beides zu, wie bei Boehringer Ingelheim.
Dort zum Beispiel soll Bayer erfolglos angeklopft haben - eine Schmach.
Aber eine solche Verbindung würde dem Konzern ohnehin bloß
eine Atempause verschaffen. Zurück an die Spitze geht es nur mit
ausländischer Hilfe.
Wie kommt es, dass die Deutschen so weit zurückfielen? Warum sind
die Forscher hierzulande nicht mehr produktiv? Was machen die anderen
besser?
Die Pharmakonzerne machen für ihre Probleme vor allem die Gesundheitspolitiker
verantwortlich, allzumal in Zeiten, in denen Herstellern Zwangsrabatte
abverlangt und weniger innovative Arzneien mit Festpreisen belegt werden.
Dirigismus schadet Unternehmen tatsächlich. Nur ist es in anderswo
kaum besser. Weil Gesundheit ein besonderes Gut ist, wird dieser Markt
über all reguliert, auch in den USA. Das Gesundheitswesen funktioniert
dort zwar anders als in Europa. Aber auch dort wird in der Wirtschaftskrise
gespart. Und kluge Pharmamanager bieten der Politik freiwillig Nachlässe
auf Medikamente an.
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So genannte Scheininnovationen, also Arzneien mit
zweifelhaften Nutzen, sortieren die Kassen in den USA ebenfalls hart aus.
Ähnlich streng geht es bei der Prüfling der Nebenwirkungen zu.
Zur Erinnerung: Nicht die deutsche, sondern die amerikanische Gesundheitsbehörde
war es, die Bayer zur Rücknahme von Lipobay zwang. Auch viele andere
Hersteller haben schon die Erfahrung machen müssen, dass die US-Kontrolleure
Arzneien ablehnten oder zusätzliche Studien forderten. Experten
meinen deshalb, die Pharmakonzerne aus den Vereinigten Staaten hätten
nur deshalb so erstarken können, weil sie zu Hause hart angepackt
werden.
Markterfolg hat aber auch viel mit Forschertalenten zu tun. Das Pharmageschäft
ist schließlich Kopfarbeit. Die Zeiten der Gebrüder Humboldt,
als die deutschen Universitäten die Spitzenforscher stellten, sind
lange vorbei. Bis 1945 verloren die hiesigen Pharmaunternehmen nicht nur
ihre Patente und US-Töchter (die amerikanischen Unternehmen Merck
& Co und Schering-Plough sind heute größer als ihre alten Mütter),
sondern auch die jüdische Wissenschaftler-Elite.
Auf diesen großen Brain-Drain folgte wenige Jahrzehnte später
ein kleiner, der die Pharmaindustrie aber schwer beschädigte: In
den achtziger Jahren wurde die Genforschung hierzulande derart kontrovers
diskutiere das eine ganze Generation junger Biologen und Chemiker das
Weite suchte. Sie gingen nach Amerika, wo die Biotechnologie geschätzt
und gefördert wurde. Inzwischen sind dort aus Labor-Zwergen veritable
Arznei-Riesen wie zum Beispiel Amgen geworden.
Auch in Deutschland hat man sich daraufhin besonnen und begonnen, diese
Disziplin zu hätscheln. Zu spät. Die Traditionsunternehmen
erliegen ihrer Sklerose, während die Biobetriebe noch an den Kinderkrankheiten
leiden.
Es dauert lange, eine neue Industrie herunterzuwirtschaften, aber noch
länger, neue Unternehmen heranzuziehen. Und so werden uns wohl wieder
junge Forschet verlassen. Bayer & Co bietet ihnen keine Perspektive -
und die Bio-Tech keine Existenz.
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