"Heuschrecken"-Debatte lenkt vom Elend der Wirtschaftspolitik ab
Die Globalisierer beklagen die Folgen ihrer Politik
Die aktuelle Debatte über kapitalistische "Heuschrecken" ist eine gewaltige Irreführung. Immer mehr deutsche Unternehmen werden von Kapitalinvestoren übernommen, weil der Zustand der Wirtschaft ausländisches Kapital ins Land zieht. Keine Firma wird aufgekauft und ausgeschlachtet, wenn sie niemand verkauft.
- Wenn sich in Deutschland immer mehr Private Equity Fonds tummeln, dann ist dies eine Folge des wirtschaftspolitischen Niedergangs und nicht dessen Ursache. Das heißt, Parteien und Gewerkschaften beklagen mit ihrer "Heuschrecken"-Kritik die Folgen ihres eigenen Handelns. Räuberische Privat-Equity-Gesellschaften stellen sich ein, wenn die Wirtschaft erkrankt ist.
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Das zentrale Problem ist die strukturelle Schwäche der deutschen Wirtschaft, die dem Globalisierungsdruck immer mehr erliegt. Die kritisierten Profitmaximierer, keineswegs nur aus dem Ausland, sind lediglich Teil der Auswüchse des bindungslosen Kapitalismus. Der größte Substanzverlust erfolgt nach wie vor durch die Übernahme deutscher Unternehmen durch internationale Konzerne. Die deutschen Töchter sind dann die ersten, wenn Stellen abgebaut und Werke geschlossen werden.
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Internationale Investoren jedweder Art greifen zu, wenn staatliche Unternehmen privatisiert werden, Banken ihre Industriebeteiligungen abstoßen oder Unternehmen sich von sogenannten "Randaktivitäten" trennen. Zumeist werden Firmen (steuerlich begünstigt) verkauft, um Gewinne zu erzielen, die mit dem operativen Geschäft nicht erwirtschaftet werden. Außerdem ist die Unterbewertung deutscher Aktiengesellschaften eine Einladung an Finanzinvestoren. Auch Mißmanagement und erlahmtes Unternehmertum spielen den Aufkäufern in die Hände.
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Der Einstieg ausländischer Investoren erfolgt manchmal geräuschlos über Min-derheitsbeteiligungen: Beim Technologieführer Industriewerke Karlsruhe (IWKA) drängt der aggressive US-Investor Guy Wyser-Pratte auf eine Zerschlagung des Konzerns. Oft folgt der finanziellen Ausbeutung die technologische wie bei Beru, den der Investor Carlyle an die US-Konkurrenz BorgWarner weitergereicht hat. Der Anteil ausländischer Investoren am VW-Konzern ist stetig gewachsen. Die Deutsche Börse befindet sich zu über 75 Prozent im Besitz britischer und amerikanischer Hedge Fonds und Fondsgesellschaften.
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Die heutige Kritik am Vorgehen der ausländischen Investoren ist unglaubwürdig, weil der Staat mit genau diesen Kapitalgebern beste Geschäfte macht. Kein Gewerkschafter hatte bisher vor den Fondsgesellschaften gewarnt, obwohl diese aus ihrer Strategie (Entlassungen, Filetieren, Vernachlässigung von Forschung etc.) kein Geheimnis machen. Die Politik hat sogar ausländische Investoren begünstigt, wie Haim Saban bei der Übernahme von ProSiebenSat.1, für das der Hamburger Bauer Verlag ein gleichwertiges Angebot gemacht hatte.
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Daraus folgt: Wer das Vordringen der - von Ausnahmen abgesehen - räuberischen Finanzinvestoren aufhalten will, muß die Talfahrt der deutschen Wirtschaft stoppen. Wer die Globalisierung, zu der auch die rasante EU-Erweiterung gehört, vorantreibt, sollte sich nicht über den Ausverkauf der deutschen Volkswirtschaft wundern. Wenn dies erkannt wird, wäre die oberflächliche "Heuschrecken"-Debatte doch noch von Nutzen.
Hilfreich ist dabei die Kenntnis der Kapitalveränderungen, die erstmals umfassend dargestellt werden in dem Handbuch Deutsche Wirtschaft 2005/2006 - Internationale Konzerne kaufen Deutschlands Unternehmen auf.
Pressemitteilung von Dr. Alfred Mechtersheimer, 3.05.2005