US-Fonds greifen nach deutschen Konzernen
von Ulrich Reitz
Amerikaner investieren in der Bundesrepublik trotz Euro-Stärke und Standort-Schwäche
Stephen Schwarzman, Chef der milliardenschweren US-Beteiligungsfirma Blackstone, war gerade auf Urlaubsreise in Frankreich, als am Dienstag die Nachricht über die Ticker lief: Blackstone zeige Interesse an Teilen des in Schieflage geratenen Karstadt-Quelle-Konzerns. Sogar über eine komplette Übernahme des Dax-Konzerns durch die Amerikaner wurde spekuliert. Schwarzman reagierte prompt und ließ die Meldung dementieren.
Der 57jährigen Wallstreet-Banker kennt das Geschäft: Voreiliges Interesse treibt nur die Preise, was im nachhinein auf die Rendite drückt. Auf Anfrage von "Welt am Sonntag" ruderte er drei Tage später, am Freitag, zurück: "Wir sind zwar nicht in Verhandlungen mit Karstadt-Quelle", läßt er seinem Konzernsprecher bestellen. "Doch wenn uns etwas Interessantes angeboten wird, schauen wir uns das an. Ganz klar."
Es wäre nicht der erste Deal, den Blackstone in Deutschland macht. Für mehr als fünf Milliarden Euro hat der US-Investor innerhalb eines Jahres in Deutschland Firmen und Immobilien gekauft. Auch bei anderen Private-Equity-Firmen wie Fortress, Bain Capital oder KKR ist der "Standort D" gefragt wie selten zuvor.
"Der Einfluß von Investoren vor allem aus den USA nimmt bei der Übernahme von Unternehmensteilen oder ganzer Firmen in Deutschland stetig zu", sagt Lisa Wright, Direktorin beim Researchdienst Bureau van Dijk.
Die größten Transaktionen seit Jahresbeginn wurden fast ausnahmslos von amerikanischen Investoren eingeleitet. Seit dem Jahr 2000 stieg der Anteil der auf das sogenannte Buy-out-Geschäft spezialisierten Amerikaner von 25 Prozent auf aktuell mehr als 68 Prozent. Rund zehn Milliarden Euro haben US-Beteiligungsgesellschaften seitdem in deutsche Unternehmen investiert. Um so überraschender sei das, "wenn man den ungünstigen Dollar-Euro-Wechselkurs berücksichtigt, der diese Investitionen für US-Unternehmen verhältnismäßig teuer macht", sagt Analystin Wright.
Auch die immer wieder kritisierte Mitbestimmung der Arbeitnehmer und hohe Lohnnebenkosten halten die Investoren nicht zurück. "Im Einkauf liegt der Segen", sagt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Kaufpreise deutscher Firmen seien noch immer gering. "Die hohen strukturellen Belastungen sind für die Investoren kein Problem, weil sie meist nach drei bis fünf Jahren den Exit suchen und ihre Beteiligung mit Gewinn verkaufen wollen."
Auf ihrem Heimatmarkt haben die Private-Equity-Firmen außerdem längst zugekauft, weshalb sie sich auf andere Märkte, vor allem Deutschland, konzentrieren.
Das Geschäft funktioniert immer nach dem gleichen Modell: "Erst legen sich die Fonds auf ein erfolgversprechendes Anlagegebiet, wie zum Beispiel Deutschland, fest. Dann sammeln sie Geld bei ihren Investoren", sagt Jörg Kirchner, Private-Equity-Experte der Anwaltssozietät Ashurst in München. Kommt ein Geschäft zustande, fordern sie das Geld bei ihren Anlegern, meist Pensionskassen oder Supperreiche, ab. "Innerhalb weniger Tage stehen dann dreistellige Millionensummen parat", sagt Kirchner. Vor allem in mittelständische Unternehmen mit Nachfolgeproblemen oder nicht mehr zum Kerngeschäft gehörende Konzernteile investieren die Fondsgesellschaften.
Bis es zu einer Übernahme von Teilen des angeschlagenen Handelsriesen Karstadt-Quelle kommen wird, scheint deshalb nur eine Frage der Zeit. Weil der Essener Konzern Verluste schreibt und sich deshalb auf sein Kaufhaus- und Versandhandelsgeschäft konzentriert, will Vorstandschef Christoph Achenbach nicht strategische Unternehmensteile verkaufen. An Verhandlungen mit den Aufkäufern aus Amerika kommt auch er nicht vorbei. Die großen Beteiligungsgesellschaften sitzen fast ausnahmslos in Amerika oder Großbritannien. Denn in Deutschland ist die Branche der Beteiligungsunternehmen hoffnungslos unterentwickelt.
"Die Alternativen heimischer Firmen sind deshalb stark begrenzt", sagt DWS-Chef Hocker, der bei Karstadt-Quelle im Aufsichtsrat sitzt. Die Kapitalbeschaffung über den Aktienmarkt oder Banken sei für Unternehmen zu langwierig und schwierig. "Kursfeuerwerke sind Vergangenheit, und die Banken halten sich mit Krediten immer häufiger zurück."
Auch mittelständische Unternehmen bekommen das zu spüren. "Immer häufiger wird auch dort Wachstum über Private-Equity-Gesellschaften finanziert", sagt DSW-Mann Hocker. Den Investoren biete sich "ein Garten voll mit reifen Früchten". Die Nachfrage nach deutschen Firmen halte deshalb weiter an.
Doch vor allem von mittelständischen Unternehmern werden die angelsächsischen Investoren überaus kritisch beäugt. Das liegt an ihrem Geschäftsmodell. Nach drei bis sieben Jahren stoßen die Beteiligungsfirmen ihre Anteile mit der Hoffnung auf kräftige Gewinne wieder ab. Nach Branchenschätzungen liegt die Rendite seit mehr als zwei Jahrzehnten bei jährlich 13 Prozent.
Dabei sind die Beteiligungsfonds häufig besser als ihr Ruf. Der Spruch "buy and bust" (kaufen und zerschlagen) gilt lange nicht mehr. Häufig bringen die Investoren die erworbenen Unternehmen im Eiltempo auf Trab. Das Management wird deshalb am Erfolg beteiligt und an einer engen Leine geführt. So trifft sich der Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft in der Regel viermal im Jahr. Private-Equity-Firmen hingegen fordern einen wöchentlichen Report. Sie können schnell gegenlenken, wenn eine Fehlentwicklung erkennbar ist.
Beispiel Minimax: TUI-Vorstandschef Michael Frenzel hatte sich im Jahr 2001 von dem Feuerlöscherhersteller getrennt. Die Sparte gehöre nicht mehr zum Kerngeschäft, befand Frenzel. Und verkaufte die ungeliebte Sparte für 140 Millionen Euro an einen Finanzinvestor, die britische Barclays Private Equity. Die Engländer polierten die roten Brandbekämpfer unter Hochdruck auf. Zwei Jahre später stießen die Investoren das Traditionsunternehmen mit einem Aufschlag von rund 60 Millionen Euro wieder ab.
Um weiter Fuß zu fassen, holen die Investoren aus dem Ausland verstärkt Topmanager ins Boot: Der frühere Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff ist mittlerweile Europa-Chef der Beteiligungsgesellschaft Investcorp. Ex-Deutsche-Bank-Vorstand Thomas Fischer arbeitete vor seinem Wechsel an die Spitze der WestLB für Cerberus. Der ehemalige Thyssen-Chef Dieter Vogel gründete mit dem amerikanischen Bessemer-Fonds eine Investmentgesellschaft. Ex-Kaufhof-Vorstand Jens Odewald engagiert sich ebenfalls in dem Geschäft.
Der frühere Mannesmann-Chef Klaus Esser ist für die US-Gesellschaft General Atlantic Partners aktiv. Anders als die Vielzahl seiner Kollegen verfolgt er ein anderes Konzept. "Unsere Aufgabe ist es, an Wachstumskonzepten mitzuarbeiten", sagt Esser. Die Mehrheit übernehme General Atlantic Partners nur selten. Es gehe darum, den Unternehmen mit notwendigem Kapital zu bestmöglichem Wachstum zu verhelfen. Trete das ein, ziehe man sich wieder zurück. Deutschland, sagt Esser, sei ein "sehr interessanter Markt".
Dem stimmt auch Blackstone-Manager Schwarman zu. "Die Chancen sind hier sehr vielversprechend. Wir wollen davon profitieren." Vielleicht bekommt er ja in den kommenden Tagen eine weitere Chance - vom Karstadt-Quelle-Konzern.
Quelle: Welt am Sonntag, 10. Oktober 2004, S. 25