"Verraten und verkauft"

Von Uwe Ritzer

Ein Lehrbeispiel für die Widersprüchlichkeit der Globalisierung

Wie eine kleine, profitable Firma im mittelfränkischen Roth im Monopoly der Konzerne ausgespielt wird

Roth - So also sieht ein Friedhof der Globalisierung aus: Schwarze, handgemalte Kreuze, Trauerflore am Zaun, 66 brennende Grablichter am Tor, eines für jeden der hier "lebendig Begrabenen". Auf dem weitläufigen, gepflasterten Hof der Firma Tscheulin-Rothal parkt weder ein Lastwagen, noch kurven Gabelstapler herum. Das Bürogebäude ist ein Geisterhaus und Menschen trifft man nur dann, wenn man gezielt nach ihnen sucht. Dabei könnte diese Fabrik am Rande der mittelfränkischen Kleinstadt Roth richtig pulsieren. Ihr Maschinenpark ist hochmodern, Auftragslage und Gewinne sind ordentlich, die Beschäftigten motiviert, flexibel und einsatzfreudig. Doch der Eigentümer, die kanadische Alcan AG, hat das kleine Werk nicht nur zum Tode verurteilt; er verhindert auch, dass andere Firmen es übernehmen. Ein bizarrer Vorgang, denn das nach eigenem Verständnis "multinationale, marktorientierte und global führende Unternehmen" Alcan mit seinen weltweit 70 000 Beschäftigten fürchtet die Konkurrenz der 66 Rother Mitarbeiter.
Es war ein langer, schleichender Prozess, der Tscheulin-Rothal zum Spielstein großer Konzerne in deren globalem Monopoly hat werden lassen. Er begann 1932; als die Rebag, die Rheinische Blattmetall AG, die Mehrheit an dem bis dahin 82 Jahre lang als Familienbetrieb geführten Unternehmen übernahm. 1920 hatte man in Roth mit der Veredelung von Aluminium-Folien für Verpackungen begonnen. An dem Kerngeschäft hat sich bis heute nicht viel geändert. Tscheulin-Rothal bedruckt Alu-Deckel für Joghurtbecher und andere Molkereiprodukte renommierter Marken wie Müller, Danone, Dr. Oetker, Bio- oder Bayerland. Rebag ging in der VAW-Gruppe auf, die 1970 die Rother Fabrik zu hundert Prozent übernahm. Immer neue Manager organisierten das Werk seither um, verzahnten es mit anderen Standorten, trennten ganze Produktionssparten ab, verlagerten, verkauften oder schlossen sie. "Jeder Manager hatte andere Vorstellungen als sein Vorgänger, und wenn er wieder weg war, galten von heute auf morgen wieder neue Gesetze", sagt Gerhard Jilg, der Betriebsratsvorsitzende. Als der heute 46-jährige Schlosser 1986 zu Tscheulin-Rothal kam, hatte man ihm gratuliert; sein neuer Arbeitsplatz sei so sicher wie der eines Beamten. "Bis heute hat unsere Firma in der Branche einen guten Ruf", sagt Jilg stolz.

Filetstücke verkauft

Als mit dem Fall der Grenzen zu Osteuropa das Billiglohnwunderland gleich hinter dem bayerischen Wald begann, gewann das Geschacher der großen Konzerne mit dem kleinen Betrieb neue Dynamik. Tscheulin-Rothal gehörte über die Muttergesellschaft VAW inzwischen zum Viag-Konzern. Der stieß die VAW Aluminium AG 2002 an Norsk Hydro ab. Die sprichwörtliche Tinte unter dem Kaufvertrag war noch nicht trocken, da verkauften die Norweger die Sparte "Fle-xible Packaging" inklusive Tscheulin-Rothal weiter an Alcan. Und die Kanadier wussten sofort, dass sie das Werk in Roth eigentlich nicht brauchen. "Jeder Eigentümer hat sich im Laufe der Jahre die Filetstücke herausgeschnitten", sagt Franz Spieß, zweiter Bevollmächtigter der zuständigen IG Metall in Schwabach. So wurden nach und nach aus 430 Beschäftigten 183. Die zogen aus der Stadt in eine schöne neue Fabrik am Waldrand um, welche ihre Manager für 16 Millionen Euro hatten bauen lassen. Wer so viel Geld investiere und ein mit 32 000 Quadratmetern erweiterungsfähiges Gelände kaufe, der will den Standort eher aus- als abbauen, dachten die Arbeiter. Mit ihren neuen, Druckmaschinen und gut versorgt, mit Aufträgen aus der Molkerei- und der Pharmaindustrie fühlten sie sich sicher. "Wir fuhren zeitweise drei Schichten am Tag und das sieben Tage die Woche", weiß Gerhard Jilg.
Doch immer wieder seien lukrative Bereiche wegverlagert worden. Eines Tages war das Werk derart ausgeschlachtet, dass es Verluste schrieb, allein 2003 sieben Millionen Euro. Die Alcan-Manager wollten das Werk nun erst recht schließen. Allein Betriebsrat und Gewerkschaft suchten nach Wegen, die roten Zahlen wieder in schwarze zu verwandeln. Sie schlugen vor, Tscheulin-Rothal solle sich ganz auf ein spezielles UV-Druckverfahren konzentrieren, "das betriebswirtschaftlich längerfristig ein Plus verspricht", wie Franz Spieß sagt. Der Preis dafür: 110 Beschäftigte aus anderen Bereichen mussten gehen. Betriebsrat und IG Metall handelten eine Galgenfrist mit Alcan aus: Bis März 2004 werde man Gewinne machen. Zwischenzeitlich aber kaufte Alcan einen französischen Konzern und damit auch ein mit jenem in Roth vergleichbares Werk in Tschechien. "Uns war klar, dass damit die Karten neu gemischt wurden und Osteuropa ins Spiel kam", sägt IG Metaller Spieß. Zumal auch das Europamanagement von Alcan gewechselt hatte "und wir wieder bei der Stunde Null anfingen" (Spieß). Noch einmal streckte sich die Belegschaft. "Wir wollten den Managern zeigen, dass die Leute in Roth sich über Gebühr für ihre Firma engagieren", sagt Spieß. Ohne Lohnausgleich wurden fortan bei Bedarf 40 statt 35 Stundengearbeitet:

"Sehr bedauerlich"

Die Trendwende gelang. Tscheulin-Rothal erwirtschaftet wieder schwarze Zahlen, von zuletzt 600 000 Euro Jahresgewinn bei knapp über 15 Millionen Euro Umsatz munkelt man. Die Alcan-Manager in Paris und Montreal machten allerdings eine Gegenrechnung auf. Sie legten die hohen Abschreibungs- und konzerninterne Umlagekosten für das seit jeher überdimensionierte Werksgelände kalkulatorisch auf die 66 Beschäftigten um. Unterm Strich kamen sie zum Ergebnis, dass Tscheulin-Rothal zwar profitabel arbeite, jedoch das vom Konzern vorgegebene Ziel, das eingesetzte Kapital zweistellig zu verzinsen, nicht erreicht. Also beschlossen sie, die Produktion in ein im polnischen Zlotow hinzugekauftes Werk zu verlagern.
Wie viel billiger dort produziert werden kann, will Alcan-Sprecherin Ulrike Klett nicht sagen. Sie spricht von einem "klaren Kostenvorteil" und verbreitet die in solchen Fällen üblichen Floskeln: Der internationale Wettbewerb sei hart, die Rahmenbedingungen hätten sich verändert, die Strategie sei fokussiert worden, die Potenziale und Chancen im prosperierenden Osteuropa seien größer, und überhaupt orientiere Alcan all sein Tun an Langfristigkeit und Nachhaltigkeit. Dass 66 Rother ihre Arbeitsplätze verlieren sei sehr bedauerlich.
Doch es müsste nicht so sein. Zwei Firmen haben Interesse am Kauf des Werkes angemeldet. Und die Mitarbeiter boten an, Alcan solle von ihren Abfindungen zwei Millionen Euro nehmen und ihnen dafür die Maschinen verkaufen. Das Management wies all dies kategorisch zurück. Schließlich wolle man in Roth keine Konkurrenz züchten. Den Widerspruch, warum eine Fabrik einerseits nicht zukunftsfähig sein soll, andererseits aber ihre Weiterführung durch 66 Mitarbeiter für den Konzern, der in seiner Verpackungssparte 34 000 Menschen in 181 Werken beschäftigt, übel 6,1 Milliarden US-Dollar umsetzt und 659 Millionen Dollar Gewinn erwirtschaftet, eine Konkurrenz sein soll, konnte auch Ulrike Klett nicht schlüssig erklären.
Ende März sollen bei Tscheulin-Rothal die ersten Maschinen abgebaut und nach Polen verlagert werden. Ende September wird das Werk ganz geschlossen. Alcan wollte, dass die Rother bis dahin auch noch jene Polen anlernen, die künftig an ihrer Stelle arbeiten werden. Immerhin ist es IG Metaller Franz Spieß gelungen, "denen bei Alcan zu erklären. dass man das nicht machen kann".

Quelle: Süddeutsche Zeitung 44/2006, 22.02.2006

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