Interview mit Wyser-Pratte

"Wir sind auf der Jagd nach einem etwas größeren Fisch"

Guy Wyser-Pratte: "Ich sehe durchaus einige Ziele im Dax und M-Dax"
Der amerikanische Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte im F.A.Z.-Interview über Heuschrecken, schlechte Manager, seine Rolle als Retter der Unternehmen und Kaufgelegenheiten im Dax.

Herr Wyser-Pratte, viele Deutsche mögen das nicht, was Sie tun.

Wie kommen Sie denn darauf? Mein Eindruck ist, dass auch in Deutschland die Menschen das mögen, was wir tun. Ich nehme diese Heuschreckendebatte nicht sonderlich ernst, das ist eher eine politische Veranstaltung. Die Aktionäre lieben das, was wir tun. Unglücklicherweise gibt es zu wenig Aktionäre in Deutschland. In Ländern, in denen Sie eine andere Aktienkultur haben, gibt es auch keine Heuschreckendiskussion.

Sehen Sie sich als Heuschrecke?

Überhaupt nicht. Die einzigen Heuschrecken, die ich in Deutschland sehe, sind die Vorstände und Aufsichtsräte in den Unternehmen, die sich das Vermögen der Aktionäre einverleiben. Wir befreien Werte, die in Unternehmen eingeschlossen sind, weil sich das Management gegen Veränderungen wehrt. Wir sind für die Aktionäre eher Retter als Bedrohung.

Die Belegschaften der Unternehmen, in denen Sie sich engagieren, sehen in Ihnen wohl eher die Bedrohung.

Das ist eine Fehleinschätzung: Wir wollen mehr Beschäftigung, nicht weniger. Warum sollten wir ein Unternehmen mit weniger Beschäftigten wollen? Wir wollen nicht Unternehmen mit wenig Beschäftigung, sondern effiziente Unternehmen. Nehmen Sie beispielsweise IWKA: Am Anfang stand uns die Belegschaft eher ablehnend gegenüber, später kam der Betriebsratsvorsitzende und hat uns dazu gratuliert, dass wir in Deutschland Arbeitsplätze gerettet haben. Als wir die Verpackungssparte von IWKA verkauften, taten wir das mit einer Fünf-Jahres-Garantie für die Arbeitsplätze. Wer kann so etwas sonst vorweisen? Wir sorgen uns oft mehr um die Arbeitsplätze als das Management.

Auch wenn Sie Teilbereiche der Unternehmen verkaufen?

Wir legen diese Teilbereiche der Unternehmen in die Hände eines besseren, effizienteren Managements - das führt in der Regel dazu, dass die Beschäftigung steigt, nicht sinkt. Oft ist es ein inkompetentes Management, das nicht weiß, was es mit den ihm anvertrauten Vermögenswerten tun soll - da wollen wir nachhelfen. Indem wir den Unternehmenswert steigern, steigern wir auch die Beschäftigung. Auf lange Frist hat nur ein gesundes Unternehmen auch mehr Beschäftigung und einen hohen Aktienkurs. Und wenn heute die Beschäftigung in Deutschland anzieht, dann ist das zumindest ein Stück weit ein Verdienst unserer Branche.

Machen Sie das den Politikern klar.

Ich habe gerade über die Presse eine Debatte mit Herrn Wulff, dem Ministerpräsidenten von Niedersachsen, geführt, der mich wegen meines Einstiegs bei dem Fotohersteller Cewe Color als Heuschrecke bezeichnete. Das ist nichts anderes als politisch motivierte Demagogie. Wer wie Herr Wulff so lange im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt mit dem entsprechenden Erfolg, sollte lieber ruhig sein.

Aber immerhin hat Herr Wulff mehr Stimmrechte an Volkswagen - Sie hingegen halten oft nur geringe Anteile an den Unternehmen, die Sie dann umbauen. Wie kann das denn funktionieren?

Es verleiht Ihnen eine gewisse Glaubwürdigkeit, wenn Sie oft genug Minderheitsanteile gekauft haben. Wir haben das in den vergangenen 15 Jahren bereits mehr als 70 Mal gemacht - und das zumeist erfolgreich. Das ist keine Erpressung, das ist Glaubwürdigkeit. Wir zwingen niemanden zu irgendetwas, wir schmieden lediglich eine Koalition der Unzufriedenen, eine Koalition derjenigen, die etwas verändern wollen. So werden aus einem Prozent 20 oder 30.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Engagements aus?

Da gibt es mehrere: zum einen ein inkompetentes Management und Strategiefehler, aber auch Unternehmen, die aufgrund ihrer vielfältigen Beteiligungen eher einem Gemischtwarenladen gleichen. Dann gibt es noch Unternehmen mit Problemen und Konflikten in der Unternehmensführung und dann noch lokale Besonderheiten, die wir berücksichtigen. Beispielsweise haben niederländische Unternehmen oft protektionistische Strukturen. Das Land ist in dieser Hinsicht die Bananenrepublik Europas. Jedenfalls versuchen wir, die Unternehmen und ihre Probleme zu verstehen, ihre Unterbewertung abzuschätzen. Wir überlegen uns, ob wir dazu beitragen könnten, die Probleme dieser Unternehmen zu lösen und damit den Wert zu steigern. Kommen wir zu dem Schluss, dass wir das können, kaufen wir leise Anteile zusammen, geben unsere Beteiligung bekannt und kontaktieren dann das Management - oder das Management kontaktiert uns. Außer bei Cewe Color, hier versteckt sich das Management immer noch vor uns.

Das muss das Management nun nicht mehr - immerhin haben Sie auf der Hauptversammlung vor zwei Wochen eine Niederlage erlitten.

Ein langer Krieg hat viele Schlachten - und die erste Schlacht ist nicht zu unseren Gunsten ausgegangen. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Was wollen Sie tun?

Ich sehe gute Chancen, dass die Ergebnisse der Hauptversammlung noch einmal revidiert werden. Da sind einige interessante Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung aufgetreten, weswegen wir diese anfechten werden. Wenn die anderen Aktionäre erfahren, was da passiert ist, werden sie sich auf unsere Seite schlagen. Dann werden wir auch eine Mehrheit für die nächste Hauptversammlung haben. Mehr möchte ich dazu jetzt noch nicht sagen.

Woher wissen Sie besser als das aktuelle Management des Unternehmens, was richtig und falsch ist?

Das wissen wir nicht immer. Das Management weiß oft genug selbst, was da gerade schief läuft. Aber die menschliche Natur ist nun einmal so, dass man sich gegen Veränderungen sperrt, träge ist. Da braucht es manchmal einen Anstoß von außen - und den liefern wir. Ein Teil unseres Jobs ist es auch, das Management von der Notwendigkeit einer Veränderung zu überzeugen.

Sind die deutschen Manager besonders allergisch gegen Veränderungen?

Die Deutschland AG hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert - aber es gibt noch viel Bedarf an Veränderung. Oft ist es noch ein Altherrenclub, der einfach keine Veränderungen möchte.

Engagieren Sie sich deswegen so gerne in Europa - sind europäische Unternehmen schlechter geführt und bieten mehr Angriffsmöglichkeiten als amerikanische Gesellschaften?

Nein, aber es gibt einige Aspekte, die Europa und Deutschland attraktiv machen. Zum einen gibt es in Deutschland viele Maschinenbauer mit echten Vermögenswerten - das sind alle potentiellen Kandidaten für eine Neustrukturierung und Neuausrichtung. IWKA ist ein perfektes Beispiel dafür. Generell hat Europa zudem einen Bewertungsvorteil gegenüber Amerika: Viele Unternehmen, die mit deutlichen Bewertungsabschlägen gehandelt werden, teilweise unter ihrem Buchwert. Dann gibt es viele rechtliche Aspekte, die das Investieren in Europa angenehmer machen als in den Vereinigten Staaten. Nicht zuletzt aber ist es auch das deutsche Alterssicherungssystem, das uns das Investieren in Deutschland erleichtert.

Wie meinen Sie das?

In den meisten Staaten, in denen Sie kein kapitalgedecktes Alterssicherungssystem haben, finden Sie auch keine ausgeprägte Aktienkultur. Das hat zur Folge, dass ein großer Teil der inländischen Aktien nicht von Inländern, sondern von angelsächsischen Investoren gehalten wird. Das erleichtert unsere Arbeit ungemein, denn diese Leute verstehen, was wir wollen und schätzen es auch. Wenn wir dann kommen und unsere Absichten erläutern, rennen wir offene Türen ein.

Deutsche Investoren haben dafür kein Verständnis?

Das will ich nicht sagen, aber oft genug haben sie enorme Interessenkonflikte. Nehmen sie beispielsweise die Landesbanken, die sich oft aus politischen Gründen auf die Seite des Managements schlagen. Deutsche Investoren sind häufig lokalen Institutionen und Regierungsstellen verpflichtet, was dazu führt, dass sie mit ihren Entscheidungen gegen ihre eigenen Interessen als Aktionäre verstoßen. In den Vereinigten Staaten würde man Fondsmanager für manche Dinge, die da passieren, einsperren.

Warum hinkt Deutschland hier hinterher?

Weil es hier keine großen Pensionsfonds gibt. Je länger Deutschland die Umstellung auf ein kapitalgedecktes Rentensystem hinauszögert, desto mehr Gelegenheiten bieten sich Investoren wie mir.

Gibt es bestimmte europäische Unternehmen, die Sie bevorzugen?

Da ist zum Beispiel die europäische Verteidigungsbranche - deren Struktur erinnert mich angesichts der zahlreichen kleinen Unternehmen an einen Teller Spaghetti, hier wird und muss noch viel passieren. Dann bieten Konglomerate viele Ansatzpunkte, Werte zu heben. Derzeit sind auch viele Handelsketten interessant, wegen ihrer unterbewerteten Immobilien; und wir werfen auch einen Blick auf ausgewählte Technologieunternehmen.

Haben Sie konkrete Ziele in Deutschland?

Natürlich. Derzeit sammeln wir Geld ein. Bisher haben wir immer mit einem Fondsvermögen von rund 400 Millionen Dollar gearbeitet. In diesem Jahr wollen wir deutlich mehr Geld einsammeln - wir wollen ungefähr eine Milliarde Dollar akquirieren. Wir sind auf der Jagd nach einem etwas größeren Fisch. Es gibt auch in Deutschland eine Menge Unternehmen, die eine helfende Hand benötigen.

Mit einer Milliarde Dollar könnten Sie auch größere Ziele angreifen - beispielsweise ein Dax-Unternehmen?

Das wäre vorstellbar. Ich sehe durchaus einige Ziele im Dax und auch im M-Dax.

Bei einem Dax-Unternehmen wird es sicherlich schwieriger, etwas zu bewegen, nicht zuletzt auch deswegen, weil Sie dort kein Großaktionär werden können.

Das ist auf den ersten Blick richtig, zumal wir für unsere Investitionen kein zusätzliches Fremdkapital aufnehmen. Aber das Beispiel von Chris Hohn, der bei ABN Amro mit nur einem Prozent einiges ins Rollen gebracht hat, zeigt doch, was möglich ist. Wir haben denke ich ebenso viel Glaubwürdigkeit wie Chris Hohn. Wenn er das kann, warum sollten wir das nicht auch können?

Vielleicht, weil die Rolle von Finanzinvestoren überschätzt wird. Ist nicht mittlerweile zu viel Geld in diesem Segment?

In der Tat gibt es derzeit zu viel Geld, das zu wenige Unternehmen jagt. Und dennoch - wenn sie in ein Unternehmen investieren, schaffen Sie es, dort Werte zu heben. Wir haben in diesem Jahr eine Nettorendite von 14 Prozent erwirtschaftet. Die Frage ist doch: Warum gelingt es dem jeweiligen Management so schlecht, ebendiese Werte zu heben?

Gibt es - außer den Unternehmen - noch etwas anderes an Deutschland, das Ihnen gefällt?

Ich fühle mich hier wohl - immerhin habe ich ja auch österreichische Wurzeln. Ich mag die Deutschen, sie sind sehr interessante Menschen mit hohen Prinzipien.


Der Firmen-Schreck
Wo der amerikanische Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte auftaucht, da bleibt meist kein Stein auf dem anderen. Der 66 Jahre alte Zwei-Meter-Mann, der die französische und die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt, hat seinen Ruf als Firmenjäger nicht von ungefähr: Er orientiert sich bei seinen Investitionen an der Gefechtstaktik der Marine, deren Soldat er einst war. Anders als etwa Private-Equity-Fonds kauft Wyser-Pratte nicht ganze Unternehmen, sondern sorgt mit Aktienpaketen von um die 5 Prozent für Unruhe.
Das Gespräch führten Hanno Beck und Daniel Schäfer.

Quelle: F.A.Z., 09.05.2007, Seite 28

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